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Ein Mailwechsel mit der Grünen Partei Österreichs

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten! Wer war mit dabei? Die Grüne Partei! Wer verrät uns nie? Die Anarchie!

(weil sie nichts verspricht)

 

Am 19. 07 erreicht mich ein EMail mit dem Betreff “Wir legen dann mal los!” von der Grünen Partei Österreichs. Offensichtlich hatte ich irgendwann ein Mal leichtsinnigerweise meine EMail-Adresse hinterlassen, vermutlich bei einer Petition gegen die FPÖ oder ähnlichem. Das Mail entpuppte sich wenig überraschend als eine Werbemail, eine Aufruf zur Partizipation, einem “offenen” Dialog, wie ihn Grüne Parteien gerne inszenieren. Da sie mich doch glatt zu mitmachen aufriefen, habe ich ihnen meine Meinung geschickt und, soviel sei verraten, sie zu ihrer Selbstauflösung aufgefordert. Nun wider Erwarten wurde mir geantwortet worauf ich wiederum antwortete. Aber lest selbst. (Anmerkung: Ich habe alle Namen entfernt, auch meinen eigenen bürgerlichen. Ansonsten habe ich die EMail im Original, was sich auch an einigen Rechtschreib- so wie Satzzeichenfehlern bemerkbar macht.)

 

Erstes EMail:

Lieber [mein bürgerlicher Vorname]!

Wenn man dieser Tage das Wort Politik in den Mund nimmt, dann reagieren viele von uns mit einem Abwehrreflex. Und ganz ehrlich: wir können das auch gut verstehen bei all dem was die letzten Monate in Zeitungen zu lesen war: Korruptionsfälle, Stillstand, Streit, das Gefühl, dass die Menschen nicht mehr im Mittelpunkt stehen.

Wir nehmen diese Unzufriedenheit vieler BürgerInnen und das Gefühl, dass sich die Dinge in Österreich in die falsche Richtung entwickeln, sehr ernst. Deshalb wollen wir Dich – Dein Einverständnis vorausgesetzt – ab jetzt über unsere Aktivitäten am Laufen halten. Wir möchten Dich einladen mitzureden und mitzumachen. Damit wir uns gemeinsam einmischen können, ins Gespräch kommen und neue Ideen für unsere Zukunft entwickeln.

Bis zum nächsten Mal, wir legen dann mal los…

Sommerliche Grüße aus dem Grünen Bundesbüro,
[Vorname irgendeines Parteihinterbänklers] für das Grüne Team

Meine Antwort darauf lautete:

So, wenn ihr wollt, dass ich mich einmische und mitmache, dann mal so:

Parteien und Parlamente sind kein Weg zu einer befreiten Gesellschaft.
Partei und Staat sind keine Mittel, derer “wir” uns bedienen können um einen anarchischen Zustand herzustellen, und das ist, was ich möchte.
Das heißt auch, dass ich mich sicher nicht an eurer Bionade-Bourgeoisie-Partei beteilige, die zwar meines Erachtens einen sympathischeren, aber dennoch abzulehnenden Teil der herrschaftstreuen Gesellschaft zuzurechnen. ist

Ich will kein Stückchen dazu beiträgt, dass der Prozess für Österreich besser läuft, ich will, dass Österreich verschwindet, und zwar von der Landkarte und aus den Köpfen.

Wenn ihr ehrlich wollt, dass “die Menschen” im Mittelpunkt stehen, dann löst euch als Partei auf! Als Massenorganisation nivellieren Parteien stets die faktischen Interessen der Menschen, verneinen Partikularinteressen unterdrücken die Einzelnen. Solange ihr Partei seid, euch mit der Partei identifiziert, steht ihr somit gewissemaßen auf der anderen Seite der Barrikade.

In diesem Sinne, leicht pathetisch:
Nie wieder Partei!
Nie wieder Österreich!
Es lebe die Anarchie!

[mein bürgerlicher Name]

 

Worauf ich folgende Antwort erhielt:

Hi [mein bürgerlicher Vorname],


danke für Deine Rückmeldung. Wir haben sie mehrfach gelesen und länger überlegt, was wir damit tun sollen. Du wirst es Dir schon gedacht haben – wir können Deiner Aufforderung vorerst nicht nach kommen. Die Bionade-Bourgeoisie-Partei bleibt damit vorerst bestehen. ;-) Allerdings sehen wir es letztendlich wie Du. Auch wir wollen, dass es die Grünen irgendwann einmal nicht mehr braucht. Wenn wir in einer nachhaltigen (sozial, ökologisch und ökonomisch) Welt leben, werden auch die Grünen schnell verschwinden. Partei ist kein Selbstzweck (auch wenn dieser Eindruck leider dank Schwarz-Blau, U-Ausschuss und Kärnten öfters entsteht). Wir haben ein Ziel. Ich vermute, dass unsere letztendlichen Ziele recht nahe bei einander liegen. Du bist eben von einem Anderen weg überzeugt – was in einer offenen, demokratischen Gesellschaft ja zum Glück auch selbstverständlich möglich ist. Und so wirst Du Deinen Weg weiter gehen – und wir unseren, Hauptsache wir kommen dem Ziel näher!

Liebe Grüße aus dem Bundesbüro,
[Vorname irgendeines Parteisoldaten] für das ganze Team

[gesamter Name des Parteisoldaten]

KOMMUNIKATION

 

Auf dieses EMail habe ich folgendermaßen geantwortet:

Hey,
ich will euch was zu eurer Antwort sagen, denn es aus ihr spricht die pure bürgerliche Ideologie. Das hat positive und negative Seiten:
Ihr antwortet mir und anerkennt zumindest bis zu einem gewissen Grad meine Position. Das ist sicherlich eine positive Seite. Aber in der Art wie ihr mir antwortet seid ihr vollkommen abweisend.

Ihr sagt wir haben ähnliche Ziele und haben nur einen anderen Weg gewählt. Mag sein. Aber es gibt etwas was wir in der Soziologie, ich studiere Soziologie, so schön Pfadabhängigkeit nennen. In der anarchistischen Theorie wird es etwas einfacher in der Forderung nach der Einheit von Mitteln und Zielen bezeichnet. Das heißt ihr macht es euch sehr einfach, zu einfach, wenn ihr sagt, wir wollen ja das selbe nur auf anderen Wegen. Denn je nachdem welchen Weg wir wählen werden bei anderen Zielen ankommen, da ist es vollkommen egal, dass ihr ja eigentlich und theoretisch mit den selben Zielen gestartet seid wie ich.
So, das zum ersten. Und was ist nun daran die bürgerliche Ideologie, die ich euch gleich Eingangs vorgeworfen haben? Die bürgerlche Ideologie zeigt sich hier in der instrumentellen Logik. Die Partei ist für euch nur ein Mittel, ein Instrument, das sagt ihr selbst. Aber keine Organisation ist stets nur auf eine Wirkung begrenzbar! Die Organisation als Mittel zum Zweck ist eine typisch bürgerliche Vorstellung, sie findet sich schon bei Max Weber, die aber bis zu einem gewissen Grad immer ideologisch, das heißt eine falsche Vorstellung, geblieben ist. Wenn euch das Thema interessiert könnt ihr dorthin kommen: http://a-bibliothek.org/?p=2401
Es ist also nicht die Hauptsache, dass wir dem Ziel näher kommen, das ist eine rein instrumentelle Logik, sondern es ist mindestens eben so wichtig wie!

Aber die bürgerliche Ideologie geht noch weiter und der zweite Punkt ist Toleranz. Nun ist Toleranz nicht per se etwas schlechtes, aber sie kann, und das hat Slavoj Žižek sehr schön herausgearbeitet, auch dazu dienen Menschen auf einer Distanz zu sich zu halten. Genau das tut ihr indem ihr sagt, in einer demokratische Gesellschaft können wir ja unterschiedlicher Meinung sein. Dadurch dass ihr meine andere Meinung als legitim anerkennt, müsst ihr euch nicht tiefer mit ihr beschäftigen, ihr neutralisiert durch eure bürgerliche Toleranz die Gefahr die durch den Meinungsunterschied für eure Position ausgeht.
Die Gleichheitsvorstellung, die ihr damit impliziert, ist rein ideologischer Art, denn euch als Partei, die sich auch schon einigermaßen etabliert hat, stehen ganz andere Machtmittel zu verfügen als mir oder der anarchistischen Bewegung im allgemeinen. Ihr verschleiert die Konflikthaftigkeit, die unsere sozialen Stellung zu Grunde liegt. Nein wir können nicht tolerant und friedlich nebeneinander, aber auf anderen Wegen zum selben Ziel kommen. Die Wege stehen notwendig in einem konflikthafen Widerspruch: Ihr seid in Wien in der Regierung und die Anarchist_innen sind in Wien im Kampf mit der Regierung. Nein, hier könnt ihr nicht mit
eurer bürgerlichen Toleranz ausgleichen, hier ist ein Konflikt! Ein Klassenkonflikt, ein Konflikt der (strukturellen) Regierungsinteressen mit unseren anarchistischen Interessen.

Ich möchte nun zum letzten Punkt der bürgerlichen Ideologie kommen, denn ich euch vorwerfe: Die Logik des Sachzwangs. Diese kennen wir ja von neoliberaler Seite genug, es sei nur an Thatchers “There is no alternative” erinnert. Bei euch ist sie enthalte in dem Einschub: “wir können Deiner Aufforderung vorerst nicht nach kommen” Ihr könnt nicht? Habt ihr die Parteidisziplin denn schon so verinnerlicht, dass ihr nicht mehr gegen sie handeln könnt? Ich glaub ihr könnt sehrwohl!

Daher noch mal mein Aufruf: Löst die Partei auf, spaltet euch ab! Vertretet eure Interessen und nur eure Interessen (damit ist z.B. auch das Interesse nach einer Welt ohne Rassismus gemeint)! Werdet nicht Teil der Strukturen, wirkt nicht strukturierend, sondern kämpft so gut dagegen an so gut es euch möglich ist!

Dann werde ihr von mir auch Unterstützung bekommen.

[mein bürgerlicher Name]

 

Die Antwort darauf steht noch aus

6 Comments

  1. Quark wrote:

    Ich tippe mal, dass du nie eine Antwort auf deine letzte Email bekommen wirst. Vermutlich wirst du als unverbesserlicher Extremist eingeschätzt, mit dem weiter zu diskutieren es sich nicht lohnt. Schließlich machst du ja keine Anstalten, deren ach so tolle Partizipationsmöglichkeiten wahrzunehmen :-)

    Aber ein sehr schöner Briefwechsel, der so einiges deutlich macht, gerade den Versuch alle Widersprüche ganz tolerant und offen wegzulächeln und wegzuerklären.

    Einen kleine Kritikpunk hätte ich dennoch. Du berufst dich in der letzten Mail sehr stark auf dein Soziologiestudium und entsprechende theoretische Autoritäten. Und das wirkt auf mich relativ schulmeisterlich und etwas arrogant.

    Aber ansonsten eine schöne Sache, bin gespannt, ob vielleicht doch noch eine Antwort kommt.

    Dienstag, Juli 31, 2012 at 15:49 | Permalink
  2. tuli wrote:

    @quark
    ich bin mir nicht sicher, ob nicht vielleicht doch noch eine Antwort kommt, weil sie eben so überaus tolerant und weltoffen sind…

    Du hast mit deiner Kritik wohl recht, allerdings macht ein solches Vorgehen gerade bei jenen Sinn, die einen sonst als politischen Extremisten weglächeln wollen. Da ich mich auf etwas berufe, was sie wohl als Autorität anerkennen, mache ich es ihnen hoffentlich ein wenig schwieriger, einfach darüber weg zu gehen.

    Ich habe ja immer noch die kleine aber feine Hoffnung, dass ich bald auf irgendwelchen Seiten lesen darf, dass sich ein Teil der Grünen abspaltet, um eine anarchistische Organisation zu gründen…

    UPDATE:
    Da ich bis jetzt (20.8.2012) keine Antwort erhalten habe, scheinst du wohl Recht zu behalten.

    Dienstag, Juli 31, 2012 at 19:16 | Permalink
  3. offighvox wrote:

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