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Zur Betriebsinfo #2

In der letzten Zeit sind im deutschsprachigen Raum einige anarchistische Medien gekeimt, die GaiDao etwa, oder auch das Betriebsinfo von https://syndikalismus.wordpress.com/. Mittlerweile ist die Nummer 2 des Betriebsinfos erschienen undwährend ich die erste Nummer praktisch nicht beachtet habe, wollte ich auf diese einen Blick werfen.

Für das Betriebsinfo gilt was auf dem Blog steht:

“Das Betriebsinfo ist ein Infoblatt für LohnarbeiterInnen, PraktikantInnen, Prekäre und Erwerbslose. In der Regel werden sich aus dem Syndikalismus-Blog ausgewählte Beiträge im Betriebsinfo wieder finden. “

 

Es handelt sich, wie hier deutlich wird, um ein eher schnell zu verteilendes Flugblatt, als um ein detailreiches, auf Qualität bedachtes Medium. Wie ich nicht anders erwartet habe, fand ich einiges an diesem Infoblatt kritikwürdig und möchte versuchen diese Kritik hier konstruktiv niederzuschreiben.

1.) Zuerst fiel mein Blick auf das lange Zitat von August Reinsdorf. Welche Position mensch auch immer zu August Reinsdorf als Vertreter der bombenlegenden “Propaganda der Tat” hat, dieses Zitat ohne jeden Kontext zu präsentieren trägt nicht zu seinem Verständis bei. Diesen Blick auf die Situation der Arbeiter_inneklasse zu eröffenen, ohne auf die gesellschaftlichen Veränderungen seit dieser Zeit einzugehen, kann auch nicht durch ein “Was denkst du dazu?” wieder gut gemacht werden. Meines Erachtens hätte entweder eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Zitat statt finden sollen, oder es hätte nicht auf das Betriebsinfo gebracht werden dürfen. So wirkt es nur schrecklich überholt, verbalradikal und lässt das Betriebsinfo als ganzes altbacken erscheinen.

2.) Der Haupttext von David Schwarz strotzt nur so von Personalisierungen. Ich halte es nicht für unangebracht, darauf hinzuweisen, dass die gehobenen Klassen über eine andere Lebensmittel verfügen als die unteren. Stichwort Bionade-Bourgeoisie. Aber von den “feisten Backen” der “Kapitalisten, Aktionäre, Bänker und Politiker” zu schimpfen, ist meines Erachtens eine unzulässige Personalisierung, die nichts zum Text beiträgt außer Hass. Warum außerdem die Klasse der Kapitalist_innen in “Kapitalisten, Aktionäre, Bänker” aufgespalten wurde, ist mir schleierhaft, spiegelt aber auf gruselhafte Weise die zweifelhafte Trennung in Finanz- und Realkapital wieder.

Ironischerweise wurde dieser Artikel mit einem Foto eines Transpis des “…ums Ganze” Bündnisses illustriert, welches sich besonders, und gerechtfertigterweise, gegen solche Personalisierungen wehrt.

3.) Auch vom Gendern wird im Betriebsinfo nicht viel gehalten. Schwarz spricht die_den Leser_in zwar mit “Kollege & Kollegin” an, aber nur um im nächsten Satz von: “Gewerkschaftsfunktionären und Politikern” zu reden. Ich fürchte leider, dass diese Kritik an vielen Anarchosyndikalist_innen abprallt, da sie Gendern als “Identitätspolitik” oder ähnliches verwerfen. Dass ich dies anders sehe, sollte deutlich sein, vielleicht ergibt sich mit syndikalismus.wordpress.com einmal eine Gelegenheit dies zu diskutieren.

4.) Am absurdesten finde ich den Verweis auf die Flugschrift von Johann Most zur Frage “Wie ist das mit Eigentum?”. Wenn die anarchistische (oder von mir aus anarchosyndikalistische) Theorie in Bezug auf Eigentum nichts besseres zu bieten hätte als Johann Most, wäre dies wahrlich traurig. Insbesondere da Johann Most wirklich nicht zu den Autor_innen gehört, die ich zu einem zeitgemäßen Einstieg in den Anarchismus empfehlen würde. Ich plädiere hier nicht dafür, dieses Kapitel der anarchistischen Geschichte zu vergessen, aber es ist sicher keines, dessen Ansichten wir eins zu eins übernehmen können. Zudem strotzt der Text von Most von veralteten Vereinfachungen, Paternalismen gegenüber der Arbeiter_innenklasse (“Die Sprache, welche das Proletariat verstehen soll, muss einfach und kräftig sein.”) und fragwürdigsten Personalisierungen: “Somit ist Alles für den Kommunismus reif; es brauchen nur dessen interessierten Gegner, die Kapitalisten und ihre Helfershelfer, beseitigt werden.”

Hier ist klar und deutlich eine reaktionäre Vernichtungsfantasie zu erkennen. Der Glaube, dass es zu einer besseren Welt nur die Auslöschung gewisser Menschengruppen bräuchte, hat mit meinem Streben nach Anarchie, nicht mehr gemeinsam als historische Zufälligkeiten. (Ich hoffe aber, dass dieser Text nur unglücklich gewählt worden ist, finden sich doch solche Vernichtungsfantasien im Blog selbst sonst nicht.)

 

Abschließend möchte ich betonen, dass ich die Idee eines solchen Infoblattes für gut und wichtig halte.

Eben deswegen hoffe ich, dass meine Kritik dazu beitragen kann, das Betriebsinfo inhaltlich zu verbessern. Aber womöglich sind die von mir hier angestoßenen Debatten schon zu alt und zu verfahren, um sich noch zu bewegen.

One Comment

  1. Syndikalismus-Blog: Unsere Antwort auf Tulis-Kritik

    Nach der zweiten Ausgabe des Betriebsinfo hat Tuli eine Reihe von Kritikpunkten an Artikeln und Zitaten in der Nummer geäußert, auf welche wir eingehen wollen. Wir sehen in vielen von ihm angesprochenen Punkten eine grundsätzlich völlig unterschiedliche Auffassung und analytische Grundlage.

    Zuerst geben wir seine/ihre Aussage wieder und schreiben darunter unsere Ansicht.

    1.) Zuerst fiel mein Blick auf das lange Zitat von August Reinsdorf. Welche Position mensch auch immer zu August Reinsdorf als Vertreter der bombenlegenden “Propaganda der Tat” hat, dieses Zitat ohne jeden Kontext zu präsentieren trägt nicht zu seinem Verständis bei. Diesen Blick auf die Situation der Arbeiter_inneklasse zu eröffenen, ohne auf die gesellschaftlichen Veränderungen seit dieser Zeit einzugehen, kann auch nicht durch ein “Was denkst du dazu?” wieder gut gemacht werden. Meines Erachtens hätte entweder eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Zitat statt finden sollen, oder es hätte nicht auf das Betriebsinfo gebracht werden dürfen. So wirkt es nur schrecklich überholt, verbalradikal und lässt das Betriebsinfo als ganzes altbacken erscheinen.

    Zu 1.) Syndikalismus-Blog: Grundsätzlich – das gilt auch für die folgenden Kritikpunkte – ist das Betriebsinfo eine zweiseitige A4-Zeitschrift die sehr begrenzten Platz bietet. Für die aktuelle Ausgabe hatten wir einige kurze Artikel mehr geplant gehabt, die wir dann aufgrund der Beschränkheit von Platz nicht unterbringen konnten.

    Nun zu August Reinsdorf. Reinsdorf ist in unseren Augen ein vergessener Genosse, der sicherlich auch einem Großteil der heutigen anarchistischen Szene unbekannt ist. Das Zitat wählten wir nicht um zu “seinem” Verständnis oder der “Propaganda der Tat” beizutragen, sondern weil es zur Diskussion herausfordert und gleichzeitig aufzeigt das sich vieles bis heute nicht geändert hat, während anderes durchaus nicht mehr zutrifft (zumindest in Deutschland ist das so). Wenn sich dadurch jedoch jemand angesprochen fühlt mehr über Reinsdorf herauszufinden – umso besser. Die Zielgruppe des Betriebsinfo sind nicht Anarchist_innen oder Syndikalist_innen oder die “Szene”, es sind Kolleg_innen die aufgrund von Unzufriedenheit offen für Kapitalismuskritik – und Kapitalismusfeindlichkeit sind. In einem zweiseitigen Infoblatt darf das dann auch gerne mal “verbalradikal” klingen. Ob das allerdings für alle auch so “verbalradikal” wirkt wie es das für Tuli tut ist eine andere Frage. Für die “Diskurse” und “inhaltliche Auseinandersetzungen” gewohnten Linken und Anarchisten mag das so sein. Wir wollen aber die Hemmschwelle, die durch abgehobene, akdademische Sprache in vielen linken und anarchistischen Publikationen aufgebaut ist, nicht weiterführen. Jeder und jede kann, wenn sie Lust hat oder eine Notwendigkeit sieht, dazu Stellung beziehen und ihre/seine Sicht der Dinge dazu darlegen. Ganz so wie Tuli das mit seinem/ihren eigenen Blick darauf auch gemacht hat.

    2.) Der Haupttext von David Schwarz strotzt nur so von Personalisierungen. Ich halte es nicht für unangebracht, darauf hinzuweisen, dass die gehobenen Klassen über eine andere Lebensmittel verfügen als die unteren. Stichwort Bionade-Bourgeoisie. Aber von den “feisten Backen” der “Kapitalisten, Aktionäre, Bänker und Politiker” zu schimpfen, ist meines Erachtens eine unzulässige Personalisierung, die nichts zum Text beiträgt außer Hass. Warum außerdem die Klasse der Kapitalist_innen in “Kapitalisten, Aktionäre, Bänker” aufgespalten wurde, ist mir schleierhaft, spiegelt aber auf gruselhafte Weise die zweifelhafte Trennung in Finanz- und Realkapital wieder.

    Zu 2.) Syndikalismus-Blog: Gerade solche Personalisierungen finden wir wichtig, da sie aufzeigen dass das kapitalistische System nicht wegen seiner selbst existiert sondern ganz konkreten Menschen dient. Seit einigen Jahren hat sich in der Linken und auch der anarchistische Szene leider eine schädliche Auffassung verbreitet, die sich gegen diese Analyse wendet. Die Theorie, die von “vereinfachter Kapitalismuskritik” spricht verleugnet das Personen mit Interessen hinter dem Kapitalismus stehen. Stichwort: Fight the game, not the player. Wir teilen diese Aufassung nicht: Wir sagen: Fight the game and fight the player. Ohne Player kein Game. Das bedeutet nicht das man die Kapitalisten an die Wand stellen muss und erschiesst, wie das gerne süffisant anklagend von den Vertretern der anderen Auffassung vorgebracht wird. Doch Kapitalisten betreiben ihre kapitalistischen Geschäfte um Profit zu machen, der ihnen persönlich zugute kommt. Das ist asozial, denn das Prinzip des Kapitalismus basiert auf Ausbeutung. Und dass muss dann auch so gesagt werden. Wenn sich daraus Hass gegen die Kapitalisten entwickelt, ist das eben so. Wir haben damit kein Problem. Es fällt zudem auf die Kapitalisten zurück. Sie sind ursächlich dafür. Schon Thomas Müntzer wusste: “Die Herren machen das selber, das ihnen der arme Mann Feind wird.” Das Müntzer kein Anarchist sondern ein Priester war, und auch von gendern noch nichts wusste, schmälert den Gehalt dieser Aussage in keinster Weise. Nicht nur Anarchisten “haben Recht”. Zudem: Hat schon mal irgendwer davon gehört, das ein Kapitalist bei einem Betriebsunfall ums Leben kam? Uns sind nur ArbeiterInnen bekannt die dadurch ihr Leben verloren. Zu der Kritik an der Aufspaltung der Kapitalisten in die verschiedenen Kategorien. Der ungefüllte, unpräzise und verallgemeinernde Oberbegriff KapitalistInnen sollte an dieser Stelle mit konkreten Kapitalistengruppen gefüllt werden. Oder gibt es etwa keine Aktionäre und Bänker?

    3.) Auch vom Gendern wird im Betriebsinfo nicht viel gehalten. Schwarz spricht die_den Leser_in zwar mit “Kollege & Kollegin” an, aber nur um im nächsten Satz von: “Gewerkschaftsfunktionären und Politikern” zu reden. Ich fürchte leider, dass diese Kritik an vielen Anarchosyndikalist_innen abprallt, da sie Gendern als “Identitätspolitik” oder ähnliches verwerfen. Dass ich dies anders sehe, sollte deutlich sein, vielleicht ergibt sich mit syndikalismus.wordpress.com einmal eine Gelegenheit dies zu diskutieren.

    Zu 3.) Syndikalismus-Blog: Diese Kritik nehmen wir an. Natürlich sollte nicht verschwiegen werden das es auch Gewerkschaftsfunktionärinnen und Politikerinnen gibt. Mit “Identitätspolitik” hat das für uns nichts zu tun. Es entstehen dabei allerdings auch schwer lesbare Wortungetüme: Z.B. Gewerkschaftsfunktionärinnen ist ein solches und es kann den Lesefluß behindern. Das sind für uns Gründe, an manchen Stellen auf das Gendern zu verzichten.

    4.) Am absurdesten finde ich den Verweis auf die Flugschrift von Johann Most zur Frage “Wie ist das mit Eigentum?”. Wenn die anarchistische (oder von mir aus anarchosyndikalistische) Theorie in Bezug auf Eigentum nichts besseres zu bieten hätte als Johann Most, wäre dies wahrlich traurig. Insbesondere da Johann Most wirklich nicht zu den Autor_innen gehört, die ich zu einem zeitgemäßen Einstieg in den Anarchismus empfehlen würde. Ich plädiere hier nicht dafür, dieses Kapitel der anarchistischen Geschichte zu vergessen, aber es ist sicher keines, dessen Ansichten wir eins zu eins übernehmen können. Zudem strotzt der Text von Most von veralteten Vereinfachungen, Paternalismen gegenüber der Arbeiter_innenklasse (“Die Sprache, welche das Proletariat verstehen soll, muss einfach und kräftig sein.”) und fragwürdigsten Personalisierungen: “Somit ist Alles für den Kommunismus reif; es brauchen nur dessen interessierten Gegner, die Kapitalisten und ihre Helfershelfer, beseitigt werden.”

    Zu 4.) Syndikalismus-Blog: Uns ging es mit der Info zu Most darum einen leicht lesbaren Text zum Thema Eigentum vorzustellen, der pointiert und eindeutig dazu Position bezieht. Zudem dient er dazu auf die Anarcho-Syndikalistische Flugschriftenreihe hinzuweisen. Natürlich können wir Mosts Ansichten heute nicht Eins-zu-Eins übernehmen. Aber das ist auch gar nicht unsere Intention. Wir vertrauen darauf das Leser_innen selber denken können und für sich zu den richtigen Schlüssen kommen. Das eine Sprache immer möglichst einfach zu verstehen sein sollte, sehen wir übrigens auch heute noch so.

    4. – zweiter Absatz): Hier ist klar und deutlich eine reaktionäre Vernichtungsfantasie zu erkennen. Der Glaube, dass es zu einer besseren Welt nur die Auslöschung gewisser Menschengruppen bräuchte, hat mit meinem Streben nach Anarchie, nicht mehr gemeinsam als historische Zufälligkeiten. (Ich hoffe aber, dass dieser Text nur unglücklich gewählt worden ist, finden sich doch solche Vernichtungsfantasien im Blog selbst sonst nicht.)

    Zu 4. – zweiter Absatz): Das ist natürlich eine unzulässige und falsche Vereinfachung von Most. Um zu einer befreiten Gesellschaft zu kommen, bedarf es viel mehr. Das wäre aber ein ganz eigenes, spannendes Thema.

    Redaktion Syndikalismus

    Donnerstag, April 5, 2012 at 13:11 | Permalink

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