Was Bildung betrifft, bin ich eine lebendige Evidenz eines marxschen Gedankens: Klasse, im Sinne des ökonomischen Aspekts der sozialen Position, bestimmt (zumindest: beeinflusst) die Ansichten.
Meine Eltern sind in ihrer Klasse aufgestiegen. Meine Großeltern mütterlicherseits waren aus der Arbeiter_innenklasse, später gelangen es ihnen einen Greißler, was in Deutschland Tante-Emma-Laden genannt wird, aufzubauen. Monetär waren sie somit wohl eher in den Mittelklassen anzusiedeln, den Habitus der Arbeiter_innenklasse zeigten sie jedoch weiterhin. Meine Mutter arbeitete schließlich als Beamtin und Frühpädagogin. Diese Berufe, insbesondere der letztere, standen an der Kippe der Mittelklasse. Schlecht bezahlt, aber doch staatlich und sicher. Endgültig in die Mittelklasse stieg meine Mutter erst mit zwei weiteren Schritten auf: Sie wurde Lehrerin und studierte. Deutlich zu sehen: Bildung als elementarer Bestandteil der sozialen Mobilität.
Ähnlich bei meinem Vater, seinen Weg möchte ich nicht in solch Detail nachvollziehen, kann es auch gar nicht. Kurz zusammengefasst waren meine Großeltern seinerseits Landarbeiter_innen, teilweise mit eigenem Land. Er stieg, nach zweifachem Studium, ebenfalls zum Lehrer auf. Bildung ist also auch hier zentral.
Ich möchte hier meine Eltern nicht zu starken Held_innen mystifizieren, die durch Bildung und harte Anstrengung den Aufstieg wider Erwarten geschafft haben. Sicher, harte Anstrengungen waren damit verbunden, zum Beispiel besuchte meine Mutter neben der Arbeit das Abendgymnasium, aber trotzdem wäre dieser Aufstieg nicht möglich gewesen ohne die passenden sozio-ökonomischen Verhältnisse. Soziale Mobilität ist eine Möglichkeit sozialer Umstände. Aus der individuellen Perspektive erscheint jedoch Bildung als Schlüssel zum Aufstieg. Schließlich waren auch ihre Arbeitsplätze eng mit Bildung verbunden.
Die positive Sicht gegenüber Bildung, als zentrales Mittel um Dinge zu erreichen, habe ich weitgehend übernommen. Einhergehend habe ich die Werte des Bildungssystems internalisiert: Wichtigkeit von Prüfungen, Hinwendung zu intellektuellen Autoritäten, von außen gegebene Aufgaben und soweiter. Allerdings erlaubte mir Bildung selbst, eine gewisse Bildung ab einem gewissen Punkt, diese Sicht als ideologisch, durch eine spezifische Klassenposition geprägt, in den Blick zu nehmen.
Deshalb halte ich eine gewisse Form der Bildung für politisch verändernd, für sozial aktiv.
Bildung, die ich meine.
Bildung ist Aneignen, ist Aneignen zum Aneignen, ist Selbstentwurf. Bildung ist
a) das Aneignen von Verständnis, welche Position das Selbst in der Welt hat.
aa) das Aneignen von Verständnis, wie die Welt um das Selbst sich zum Selbst verhält.
b) das Aneignen von Fähigkeiten, sich selbst zu ändern, sich selbst zu bestimmen.
ba) das Aneignen von Fähigkeiten, die Welt um sich zu ändern, diese zu bestimmen.
(Anmerkung das Selbst ist in der Welt, ist Teil der Welt und lässt sich von dieser nicht trennen)
Diese Bildung ist von der Position des_der Aneignenden her gedacht. Deswegen sind Prüfungen, intellektuelle Autoritäten und von außen gegebene Aufgaben nicht enthalten, sie sind nicht was mit dieser Bildung gemeint ist.
Zwar verhandeln diese Thesen Bildung vordergründig auf einer individuellen Ebene. Dennoch haben wir hier ein sozial wirksames Programm. Genau betrachtet ist es ein Programm, dass sehr stark auf soziale Veränderung abzielt. Das Ziel der Bildung ist Aneignen, um ändern zu können. Eine Person, die ändern kann und weiß was sie ändern möchte, weil sie über ein Verständnis der Welt sowie der eigenen Position verfügt, hat eine hohe Wahrscheinlichkeit Veränderungen herbeizuführen.
Das Verständnis, welches diese Bildung umschließt, ist ein sehr weites. Die Zusammenhänge werden in ihrer Tiefe verstanden. Die Änderungen werden, sofern den Zielen entsprechend, ebenfalls tief sein und damit radikal.
Bildung wird zu einem Hebel sozialer Veränderung.
Aber dieser Hebel gibt nicht vor welche Veränderung zustande kommt. Die spezifische Ordnung ergibt sich aus dem Streben der Subjekte. In einem Wort: Anarchie.
Zugegebenermaßen steckt hierfür, für die Anarchie als Ergebnis, eine weitere Annahme dafür verborgen: Nämliche sozial breite Verteilung der Bildung.
Bildung, die ich nicht meine: Ausbildung.
Ausbildung ist genau das: das Aus der Bildung, das Ende der Bildung. Die Ausbildung ist der letzte Wurf des Selbst, geworfen durch die sozialen Prozesse verdinglicht als Markt bzw. Nachfrage. Wenn heute das Schlagwort der lebenslangen Bildung verwendet wird, ist Fortbildung gemeint. Fortbildung der Ausbildung sollte dies heißen. Geworfen durch und in den Produktionsprozess, das ist die Ausbildung, die Fortbildung ist das weitergeworfen werden. Um den Ansprüchen des postfordistischen Produktionsprozesses zu genügen, reicht es nicht mehr sich einmal werfen zu lassen, um die eigene Position zu halten. Nein, wir müssen uns ständig neu werfen (lassen) um bleiben zu können, wo wir sind. Dabei dürfen die Koordinaten des Prozesses aber nicht gestört werden. Der Wurf darf nur dazu dienen in den Koordinaten zu verweilen, nicht um sich als Ganzes außerhalb des Prozesses zu stellen.
2 Comments
Mittelklasse ist kein marxistischer Begriff. Eigentlich ist Mittelklasse überhaupt kein Begriff.
Das Klasse irgendeinen kausalen Zusammenhang zu Ansichten hat ist auch kein marxscher Gedanke. Ist im Übrigen auch völlig unhaltbar.
@Figaro
Ich weiß ja nicht ob der Begriff marxistisch ist, aber er ist auf jeden Fall mehrfach zu finden bei Marx.
Schlag das Kapital erster Band in der MEW Ausgabe im Register auf und unter Mittelklasse (als Subpunkt von Klasse) findest du den Verweis zu den Seiten 673, 688, 784, 791
Und natürlich ist auch der Zusammenhang von Klasse und Vorstellungen ein marxscher Gedanke, schlag die deutsche Ideologie auf. Dort findet sich der schöne Satz “das Leben bestimmt das Bewusstsein.” Gemeint ist die Produktionsordnung, bzw. die Stellung in der Produktion, bestimmt was (oder wie) wir denken.
Post a Comment