Nach meiner “teilnehmenden Beobachtung” an einem Semester Soziologie an der Uni Goettingen komme ich zu folgendem, vorläufigen Ergebnis: Dem kritischen [1] Denken und kritischer Soziologie am abträglichsten war/ist das Prinzip der schriftlichen, standardisierten Prüfung.
Manchmal subtil, manchmal offensichtlich zwingt das Prinzip der Prüfung den Studierenden eine Neu-/Andersausrichtung ihres Relevanzsystems auf. Jegliches Wissen, jegliche Diskussion wird, besonders in der Schlussphase, danach bemessen, wie “klausurrelevant” der Inhalt ist. Ich habe dies an mir selbst gespürt und dem auch immer wieder nachgegeben (bis zu einem gewissen Punkt). Aber besonders im Umgang mit anderen, nicht politisierten Studierenden erlebe ich das Problem, dass diese Art der Auseinandersetzung mit dem Stoff dazu tendiert, jede andere zu verdrängen.
Auf Basis dieser Dynamik der Prüfung wird hauptsächlich deklaratives Wissen von den Studierenden erworben. Zwar versuchen die Professor_innen durch so genannte “Transformationsfragen”, in denen Studierende dazu angehalten werden ihren dynamischen Geist zur Anwendung zu bringen, auch prozedurales Wissen abzufragen, aber da sich dieses schlecht erlernen lässt (im derzeitigen universitären Kontext) fällt es dennoch in den Hintergrund.
Ich habe auch einen Professor sagen hören, es käme auf eine logische bzw. sozialwissenschaftliche Argumentation an, hier wird klar, dass eine spezifische Art zu denken gelehrt werden soll (“der soziologische Blick”) und nicht eine dem Subjekt eigene Art des Umgangs mit einem Forschungsgegenstand (indem Fall selbst Subjekte). Ich verstehe durchaus die Intention, dass so mehrere Blicke (der eigene und der soziologische [2]) vermittelt werden sollen. Das Prinzip der Prüfung jedoch schafft hier eine eindeutige Kategorisierung in “richtig” und “falsch” und unterläuft somit jeden Versuch der Bildung pluraler Blickwinkelmöglichkeiten.
Besonders der neu geschaffene Bachelor “Sozialwissenschaften” ist mir in diesem Kontext negativ aufgefallen. Er wirkt auf mich, (ohne mich allzu eng damit beschäftigt zu haben) als ob der Inhalt der sozialwissenschaftlichen Fakultät durch den Fleischwolf des Bologna-Prozesses gedreht worden wäre. Dabei würde gerade Interdisziplinarität viele Möglichkeiten für kritisches Denken bieten [3].
Weitere Erkenntnisse, die ich an mir selbst gespürt habe, waren, dass Seminare wertvoller sind für die eigene Bildung als (Einführungs) Vorlesungen und, dass einen Text zu lesen, eine Vorlesung zu besuchen mehr als nur aufwiegen kann. Wertvoller bezieht sich hier nicht auf den Kontext universitärer AUSbildung, sondern auf die Bildung von Entwurfsfähigkeit meiner eigenen Subjektivität, das heißt Meiner Möglichkeit Mich selbstzusbestimmen.
Im Fazit möchte ich festhalten, dass das in Prüfungen verpackte Wissen nicht wertlos ist, sondern dass es für die Bildung einer kritischen Subjektivität nicht ausreichend und die Prüfungen (nicht das Wissen) eher abträglich sind. Kritisches Denken kann zwar durch Eigeninitiative erworben werden, das enge Netz an “Modulen” und “Kompetenzen”, welches sich durch den Bologna-Prozess gebildet hat, macht dies jedoch äußerst schwierig, beziehungweise raubt die dafür notwendige Eigenmotivation.
p.S.: Fall jemensch schon kritische Texte zum Thema der Prüfung bekannt sind, würde ich mich freuen, falls dies in den Kommentaren angemerkt wird. Mir selbst ist nichts Spezifisches hierzu bekannt, ich bin mir aber sicher, dass es genug gibt.
[1] Kritisch kann hier im Sinne von Horkheimers Polarisierung in kritische und traditionelle Theorie verstanden werden, muss aber nicht.
[2] als ob es nur einen soziologischen Blick gäbe
[3] In seiner frühen Phase war auch Horkheimer ein großer Freund der Interdisziplinarität.
2 Comments
Hast ja recht, aber findest du nicht dass das ein bisschen unnötiger Schwulst ist in den der Text verpackt ist? Haben die Sozialwissenschaftler da am Ende den Keim in dich gelegt.
Und man kann einen Gedanken halt auch nicht größer machen als er ist, viele gute sind klein.
Wenn du das schon über Listen schickst.
@ner
natürlich ist der harte Kern recht klein mit: “schriftliche Prüfungen wirken negativ auf kritisches Denken”.
Aber das heißt ja nicht, dass dies nicht näher erörtert werden kann. Ich habe versucht zu zeigen, wie dies genau passiert. Der Mechanismus ist nämlich in manchen Punkten subtiler, als mensch auf den ersten Blick denken würde.
Aber in einem Punkt gebe ich dir vollkommen recht, ein bisschen was vom “Keim der Sozialwissenschaft” steckt da schon drinnen.
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