Unterdrückung, sobald sie bewusst wird, wird meist mit zahlreichen Argumenten ihrem Anschein nach legitimiert. Speziesismus (für Erläuterung siehe Glossar) wird Aufgrund seiner beinahe globalen Verbreitung und beiläufigen, unwidersprochen Anwendung im Alltag kaum bewusst. Kaum ein Mensch sitzt beim Mittagstisch und denkt über das Leben des Schnitzels nach. Dennoch fanden sich über die Jahrhunderte immer wieder Denker_innen in der Not, einen Grund für ihren Fleischverzehr und anderes speziesistisches Verhalten zu finden.
In diesem Text werden einige dieser Gedanken nachgezeichnet und Argumente gegen sie präsentiert. Dabei wird er sich hauptsächlich auf die „westliche“ Welt stützen und sich nur mit Legtimiationsversuchen beschäftigen, die Dualismen, sprich eine Gegenüberstellung zweier scheinbarer Gegensätze, beinhalten.
Erste These:
Eine Legitimation für den Verzehr von nichtmenschlichem Fleisch wurde speziesistisch aufgeladen, sobald der Kannibalismus geächtet wurde.
Von diesem Punkt an wurde ein Unterschied zwischen dem Menschen und anderen Tieren gesucht. Sehr schnell wurde er gefunden durch die Anwendung des Körper-Geist-Dualismus mit dem ein konstruierter Tier-Mensch-Dualismus einhergeht, dies geschah schon im Antiken Griechenland. Menschen wurde eine Seele zugeschrieben, die sie von mechanischen Tieren unterscheidet. Als einer der prominentesten Philosophen vertrat Aristoteles diese Ansicht (vgl. Singer 2009: 189). Wobei ein Körper-Geist-Dualismus nicht zwangsläufig Speziesismus zur Folge hatte: Die Pythagoreer genannten Nachfolger des Pythagoras glaubten an eine Form der Seelenwanderung und nahmen an, dass menschliche Seelen und andere tierische Seelen sich nicht unterscheiden. Menschliche Seelen würden demnach auch in die Körper von nichtmenschlichen Tieren wandern. Konsequenterweise lebten Teile der Pythagoreer vegetarisch (vgl. Singer 2009: 188), wenn auch Pythagoras selbst scheinbar nicht (vgl. http://plato.stanford.edu/entries/pythagoreanism/ [25. 4. 2011]).
Mit dem zunehmenden Verbreitung des Christentums in das Abendland verschärfte sich dort der Körper-Geist Dualismus, und damit die Verachtung der anderen Spezies, zu einem Dogma. Denn es steht schon in der Bibel geschrieben, dass „die Menschen“ sich „die Tiere“ Untertan machen sollen (vgl. Singer 2009: 186f.). Wir sehen hier eine klare Verschärfung des Tier-Mensch-Dualismus durch eine Aufwertung der nun als unsterblich vorgestellten Seele, die auf Menschen reduziert bleibt. Dieser theologische Speziesismus zieht sich durch die gesamte katholische Kirche und ist bis heute kaum aufgelockert worden (vgl. Singer 2009: 196f.). Es gibt nur wenige, Gruppen die von der „reinen“ katholischen Lehre abwichen, wie zum Beispiel die häretischen Albigenser_innen. Diese ernährten sich trotz ihres ausgeprägtem Dualismus großteils vegan, mit der Ausnahme von Fisch, den sie als seelenlos, da nicht auf sexuelle Weise gezeugt, betrachteten (vgl. Russell 2010: 414).
Keineswegs sind solche dualistischen Rechtfertigungen nur auf den Klerus beschränkt. Descartes, einer der bekanntesten Philosoph_innen, welche den Körper-Geist-Dualismus vertraten, verwendete eben diesen in schon erwähnter Weise, um nichtmenschliche Tiere als mechanische Automaten darzustellen, die ohne Seele unfähig sein sollten, Schmerz zu fühlen (vgl. Singer 2009: 200).
Heutzutage gibt es nur noch wenige ernsthafte Vertreter_innen eines derartigen Körper-Geist-Dualismus, und Schmerz wird als körperliches Phänomen wahrgenommen, das kaum ein_e Wissenschaftler_in den Tieren verwehren kann (vgl. Singer 2009: 15).
Dieser Bruch geschah spätestens mit Darwin und seinem Werk „The Descent of Man“. Alte Rationalisierungen für Speziesismus musste nun ob der wissenschaftlich gewordenen Gleichheit dern menschlicher Evolution mit der anderer Tiere verworfen werden (vgl. Singer 2009: 205f.).
Bei den Bemühung um eine neue Form der Legitimation wurde versucht die Evolutionstheorie selbst dem Speziesismus anzueignen. Von nun an galten die Menschen einfach als eine höher entwickelte Spezies. Schon die krasse Unterscheidung zwischen Spezies ist nicht als naturgegeben zu betrachten, der britische Philosoph Locke bestritt sie bereits vor Darwin (vgl. Russell 2010: 557). Die Grenzen, die von Forscher_innen gesetzt wurden, sind zwar in der Natur zu betrachten, wie zum Beispiel welche Tiere miteinander fähig sind zeugungsfähige Kinder zu zeugen, sind aber selbst willkürlich gewählt. Die Unterschiede zwischen den Spezies sind viel mehr graduell als strikt und eindeutig. Es lässt sich auch nicht ohne Anthropozentrismus von höher und niedriger entwickelten Spezies reden. Wovon sich reden lässt, sind lediglich stärker und schwächer ausgeprägte Merkmale und Fähigkeiten. Menschen besitzen zum Beispiel im Durchschnitt eine sehr stark ausgeprägte Großhirnrinde (Cortex Cerebri), dieser Teil des Gehirns ist jedoch nicht maßgeblich für das Empfinden von Schmerz.
Neben diesen Argumenten, die sich eher in die Schublade Rationalisierung reihen lassen würden, gibt noch viele andere, die jedoch eher auf emotionaler Ebene, Naturrecht und speziesistischer Lücken existierender Moralsysteme basieren. Diese könnten für sich mehrere Bücher füllen…
Quellen:
Singer, Peter; „Animal Liberation“, HarperCollins, New York 2009
Russell, Bertrand; „History of Western Philosophy“, Routledge Classics, Oxon 2010
http://plato.stanford.edu/entries/pythagoreanism/
Weiterführende Links:
http://www.basisgruppe-tierrechte.org/
http://www.biteback.de/
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