Ein Vortrag in zwei Teilen – Teil 1
Bei diesem Text handelt es sich um die überarbeitete Niederschrift eines Vortrages, den ich 2012 in verschiedenen anarchistischen Räumen gehalten habe. Er wurde auf eine Zuhörer_innenschaft zugeschnitten, die sich zwar als anarchistisch versteht, aber nicht unbedingt mit allen Theoriediskussion in der Geschichte der anarchistischen Bewegung vertraut ist. Aufgrund der Länge erscheint der Vortrag hier in zwei Teilen. Er ist zuerst bei systempunkte.org erschienen.
Historisch wie theoretisch ist das Verhältnis von Anarchismus zu Organisationen komplex und teilweise offen widersprüchlich. Da wird einerseits von anarchistischer Seite zur „Organisierung“ aufgerufen und andererseits werden dann wieder Organisationen kritisiert, weil sie als solche gewisse Dynamiken an den Tag legen. Kein Wunder, denn meistens wissen wir selbst gar nicht so genau, was wir meinen, wenn wir zur „anarchistischen Selbstorganisation“ aufrufen. Wenn sich die Leute dann selbst organisieren, sind wir oft nicht zufrieden damit, was und wie sie es tun.
Eine Schwierigkeit liegt in der Diffusität des Begriffes. Mit „Organisation“ kann sowohl ein Zweckverband, der durch eine gewisse Zweck-Mittel-Rationalität gekennzeichnet, gemeint sein, als auch eine Prozess der gegenseitigen Abstimmung, den ich in der Nähe von Koordination begreife. Aber selbst, wenn wir uns auf den ersten Begriff, Organisation als Zweckverband beschränken, so wie ich es in diesem Vortrag tun, sind damit noch lange nicht alle Fragen geklärt.
Eine weitere Schwierigkeit eine anarchistische Organisation zu bestimmen, neben der begrifflichen, hängt damit zusammen, dass im Anarchismus immer wieder der Anspruch auftaucht, – und auch ich vertrete ihn – dass die Organisationen die zukünftige, die gewünschte Gesellschaft vorwegnehmen sollen. Da wir aber selbst nicht so genau wissen, was wir denn für die Zukunft wollen, wissen wir auch nicht, wie unsere Organisationen aussehen sollen. Im Allgemeinen läuft der Anspruch deswegen darauf hinaus, dass es in den Organisationen soweit als möglich keine Herrschaft geben soll. Die Organisationen werden also negativ bestimmt. Soweit als möglich sollen Sexismus und Rassismus verhindert und die Beziehungen eben nicht durch Besitzverhältnisse, also bürgerlich, vermittelt werden. (Continued)